Der fliegende Bessunger

Gab es jemals einen formschöneren Triebwagen auf Schmalspurgleisen als den VT 501/133 der Spreewaldbahn? Möglicherweise. So ein Talbot aus den 50ern ist sehr nett anzuschauen. Und das - im Harz - immer noch. Und auch die Dessauer schmeichelten dem Auge erheblich. Oder man denke an die Emmina, che bella! So einen richtigen "Ugly VT" gibt's ja eigentlich nicht wirklich... aber den Spreewälder finde ich halt persönlich recht klasse.

Leider hat die Ignoranz mal wieder einen guten Tag gehabt, als man den schönen Spreewälder im Original 1974 zu Klump gehauen hat. Ok, er war ziemlich durch, aber das hätte ja eine museale Erhaltung nicht ausgeschlossen. Da hatte man aber damals wohl keinen Sinn dafür, oder die falschen Berater - aber wir lassen mal die geistig Armen im Schrank und freuen uns stattdessen an der Tatsache, daß sich BEMO dereinst dem Fahrzeug wenigstens modelltechnisch angenommen hat.

Seit vielen Jahren ist der schöne Spreewälder in meinem Besitz, lange Zeit als einsamer König des Kellerregals, aber nach dem Bau der ersten und schließlich zweiten Bessunger Kreisbahn vor allem als antriebstechnisch nicht mehr ganz modernes, aber dafür recht zuverlässiges Fahrzeug.Lange Zeit hat er sich auch noch immer im Reichsbahn-Ost-Look präsentiert, zwischenzeitlich habe ich ihn mal nach Entfernung des DR-Logos mit einer erhabenen Beschriftung aus "Alu"-Buchstaben versehen, wozu ich unseren Schneideplotter bis an die Grenze des Machbaren getrieben habe. Bissel außermittig war die Beschriftung und nicht so absolut perfekt gerade - erster Versuch halt. Ich habe jetzt noch ein feineres Messer gefunden, da probiere ich es nochmal, da bei der letzten HU sich dann doch einige Buchstaben "schiefgegriffen" haben, habe ich die Buchstaben doch nochmal entfernt.

Im Herbst 2017 wurde durch die endgültige Aufgabe meiner schon lange siechenden Gartenbahn-Pläne ein ZIMO-Decoder mit SUSI-Soundmodul aus einer kleinen Gartenbahn-Diesellok frei. Also habe ich den Decoder nebst Soundplatine mal provisorisch unters Dach gepappt. Außerdem bekam der VT einen Stromspeicher von Fischer mit vier SMD-Kondensatoren, was sich fahrdynamisch und vor allem beim Sound absolut bemerkbar macht. Allerdings war der gesamte Triebwagen danach mit Platinen und Strippen ausgefüllt. Nicht ideal. Aber der Klang war schon klasse. Obwohl: Die Klangkulisse war eindeutig dieselhydraulisch und der Motor hörbar viel zu großvolumig.

Also wieder raus mit dem ganzen Kram und alles eine Nummer kleiner nochmal neu. Zum Einsatz kommt nun ein Sounddecoder von Döhler und Haass, der mühelos quer im hinteren Führerraum zum Einbau gelangt. Der Lautsprecher bleibt unterflur, der wirklich kleine Decoder sorgt für ordentlichen Klang, Respekt! Außerdem muß an dieser Stelle der supernette und kompetente Support von Döhler und Haass unbedingt lobend erwähnt werden. Daß man nicht beim ersten Versuch durchkommt bei einer Servicenummer ist ja normal und kein Beinbruch, aber es ist ganz und gar nicht normal, daß man ein paar Minuten später zurückgerufen wird und alle (im Nachhinein: nicht unbedingt urst geistreichen) Fragen freundlich und hilfsbereit geklärt werden, mit dem Versprechen zum Abschied, daß man jederzeit gerne wieder anrufen möge, wenn es nochmal eine Unklarheit gibt. Das ist servicemäßig ganz großes Kino. Das muß mal gesagt werden, weil so erlebt und empfunden.

Die mehr so "experimentell hineingewurschtelten" Kupferlack-Haardrähte der Stirnbeleuchtung habe ich bei der Gelegenheit auch entwirrt und unter dem Dach ordentlich verlegt und mit Konstantstromquellen für die verschiedenen LED-Gruppen (weiß/rot, vorne/hinten) ausgerüstet.

Jetzt fährt der VT klasse, klingt zum Niederknien dieselmechanisch (mit ordentlich nagelndem VT-Motor ganz originalgetreu lastwagenmäßig) und wechselt das Licht weiß-rot. Jetzt mag man meinen: Ordentlicher Decoder, Energiespeicher, alles richtig gemacht. Aber viel entscheidender ist: Die Sounddaten wurden aufgenommen vom T42 des DEV in Bruchhausen, also von der allwissenden und über alle übrigen dämlichen deutschen Möchtegern-Museumsbahn-Knödelvereine weit erhabenen wissenschaftlichen Speerspitze der deutschen Museumsbahn-Oberklasse, der in unendlicher Weisheit seiner hochgelehrten Experten in der Lage ist über Bestehen und Vergehen von irgendwelchen auch nur mutmaßlich potentiellen Konkurrenzvereinen auch am anderen Ende der Republik zu entscheiden. Das ist also nicht einfach irgendein Dieselnageln. Das ist das einzige museal korrekte und vom Obersten Schmalspurgericht zugelassene, offizielle Dieselgeräusch für Schmalspur-VTs mit Daimler-Benz-Motor und Mylius-Schaltgetriebe in Deutschland. Da kann ich stundenlang zuhören, ohne daß eine Übersaturation eintritt. Besser gehts nicht. Manchmal möchte ich Bettkantengeschichten davon erzählen vor lauter Begeisterung.

Ok, mal ohne irgendwelche selbstverliebte Scheinexperten auf den Roller zu nehmen: Die Geräuschkulisse ist erstklassig und kommt wahrscheinlich ganz nah ans Original ran, denn der "Fliegende Spreewälder" war mit einem fast baugleichen Motor und ebenfalls einem druckluftbetätigtem Mylius-Getriebe ausgestattet. Und es ist für mich, der noch unter glattem Gleichstrom und beim Lichte echter Glühbirnchen mit dem Modellbahnvirus infiziert wurde, immer noch ein kleines Wunder, wenn das Ding losfährt, der Diesel dreht hoch bis in den leicht gequälten Bereich (wie das eben so bei diesen Dieseln ist) und dann fällt die Drehzahl ab, man hört das Getriebe schalten, schon schuftet sich der Motor wieder das Drehzahlband hoch...undoweiter. Da stehe ich wieder davor wie ein 8jähriger und das ist ja auch der Sinn der Übung. 

Leider ist der Innenraum aufgrund des Alters der Konstruktion trotz nun wesentlich geringerem Kabelsalat immer noch ziemlich mit dem Motor ausgefüllt (man vergleiche die Emmina damit, bei der der Antrieb nahezu maßstäblich unter dem Wagenboden verbaut ist!), deswegen habe ich die Scheiben für einen beschlagenen Look mit "gefrostetem" Klebefilm beklebt und mit Klarlack "freigewischte Stellen" hingepinselt, damit man den Motor nicht gar so gut sieht. Dazu noch eine SMD-LED-Innenbeleuchtung, um die eingeklebten Personen hinter den Scheiben auch zumindest schemenhaft erkennen zu können.

Nach der üblichen Programmierungsorgie, die sich aber inzwischen dank günstig erstandener Multimaus wesentlich entspannter gibt, funktioniert nun auch alles wie und wann es soll. 

Jetzt ist der gute alte fliegende Bessunger doch auf seine alten Tage eine echte Hightech-Schaukel geworden. Und läuft wie ein Uhrwerk.

(Habe ich übrigens schon erwähnt, daß ich Googlefonts nutze? Falls nicht: Ich nutze Googlefonts. Ich gebe es zu, im Impressum steht es auch (in der Datenschutzerklärung), Abmahnung also nicht notwendig.)

 

 


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