Zicke: Zacke.

Es ist fast 20 Jahre her, ich hatte weder Verpflichtungen noch monatliche Belastungen, aber einen ganz guten Studentenjob. Ich fuhr mit einem Bekannten auf eine große Modellbahnmesse, ich glaube in Stuttgart. Dort traf ich einen mißmutigen Herrn aus Wien, der wunderbare Ätz-Accessoires wie Fahrräder, Zäune und Bahnhofskarren verkaufte. Und eine Zahnradbahn, genauer gesagt das Modell der in Österreich auf Schafberg und Schneeberg schnaufenden Fahrzeuge nebst Gleismaterial (ganz pedantisch mit 10,3 mm Spurweite, also HOn3, weil das am nächsten an der originalen Meterspur ist!). Ich erstand also zum Messepreis (der mir entfallen ist, aber als durchaus angemessen für das Gebotene in Erinnerung) ein Set aus Lokomotive, Vorstellwagen und einem Meter Zahnstangengleis.

Schon wenige Jahre später machte ich mich daran, ein kleines Schaustück daraus zu basteln, ein kleiner Berg auf einer Grundfläche von 90x90 cm, auf dem sich die Bahn über eine spektakuläre Brücke und ein paar Windungen Gleis nach oben zu einem Bergdorf winden konnte. Unten kreiste ein Car-System-Bus durch den Talboden. Bei einem Besuch in Wien hatte ich vorher im winzigen, dunklen Laden des immer noch (oder wieder?) schlecht gelaunten Herrn einen zweiten Meter Gleisbausatz erworben. Dadurch konnte ich eine ganz hübsche Höhenentwicklung erarbeiten.

Den mißmutigen Herrn in Wien gibt es nicht mehr. Er weilt nicht mehr unter uns und bastelt jetzt vielleicht besser gelaunt an der großen himmlischen Modellbahnanlage. Ich würde es ihm von Herzen wünschen, denn man sagte mir, daß er aufgrund einer bösen Krankheit und ihrer Auswirkungen zum Grantler geworden war, die ihn schließlich besiegte. Seine Zahnradbahn hat neue Produzenten gefunden, sie ist jetzt - immer noch in Wien - bei Ferro-Train erhältlich.

Das fertige Schaustück war ganz nett anzusehen, leider hat die Zahnradbahn trotz wirklicher Akribie bei der Gleisverlegung niemals ohne Mucken den Gipfel erreicht. Vielleicht habe ich ein Montagsmodell erwischt, aber sie machte vor allem durch eher in die Zahntechnik zu verortende Geräusche mit recht selbsbewußter Lautstärke auf sich aufmerksam, was sicher der (an sich ja klug gewählten) extrem hohen Untersetzung des Getriebes zu danken war, in dem für so ein kleines Modell recht viele Zahnräder ihr Liedchen im Chor mit dem serienmäßigen Flachmotor des Messeangebotes (ich glaube, es gab auch eine De-Luxe-Faulhaber-Version) singen konnten. An sich nicht das Megaproblem, hätte die Fuhre nicht ausgesprochen zickig reagiert. Und zwar auf so ziemlich alles: Feinste Andeutungen von Staub oder gar ein Schottersteinchen auf Gleis oder Zahnstange, Ein zartes Hubbelchen in der Gleislage, eine nicht zu 100% perfekte Schienenverbindung... die schöne Zacke erwies sich in meinen Händen als üble Zicke.

Ein paar Jahre ruhte das Schaustück nach ein paar halböffentlichen Auftritten (als Diorama ohne Bahnbetrieb, aber mit unermüdlich kreisendem Faller-Bus) dann im Keller, bis es beim Umräumen böse einen abbekam. Die Schadensaufnahme, zusammen mit der eher ernüchternd ausfallenden Nutzungsstatistik ließen keine Alternative zum Abwracken. Natürlich habe ich (so gut es ging) die Gleise vorsichtig entfernt und zum Großteil wiedergewonnen und - eingelagert.

Als ich die Bessunger Kreisbahn plante, fiel mir bei der kellerlichen Bestandsaufnahme die ganze Geschichte wieder in die Hände. In der Hoffnung, das Ganze doch wenigstens im Ansatz wiederzubeleben habe ich also ein kurzes Stück mit eingeplant. Wobei das Ganze schon wieder etwas zurückgenommen wurde, weil es eigentlich nach einem weiteren Viertelkreis hinter dem ursprünglich auf dem "Bergwerk-Zusatzteil" ganz oben platzierten Pöhlberghauses zum Halten kam und so als Zubringer fungieren sollte. Mit dem Wegfall des Bergwerks war die Strecke um dieses Stück gekappt und verschwindet nun in der Kulisse hinter dem Sockel des Hauses.

Im Moment ist das gute Stück seit nunmehr zwei Jahren ein Standmodell. Das ist schade. Ich habe inzwischen mit anderen Besitzern des Modells gesprochen und verschiedene Vorgehensweisen zwischen "Standmodell", "funktioniert ganz gut" und "Totalumbau mit Fleischmann-N-Zahnradlok im Vorstellwagen(!!!)" gehört und gesehen. Ich bin noch unschlüssig und für alle Tipps dankbar. Die Lok selbst habe ich schon weiland mit einem Faulhaber umgerüstet, was sie etwas leiser aber nicht weniger zickig machte... Als nächstes werde ich sie digitalisieren, das hilft laut Ferro-Train auch beim Problem der Geräuschentwicklung. Einen Decoder habe ich noch auf Lager.

Bis dahin steht sie weiter in der Gegend rum und befindet sich in der "Jemand ne Idee?"-Abteilung dieser Website.

(Habe ich übrigens schon erwähnt, daß ich Googlefonts nutze? Falls nicht: Ich nutze Googlefonts. Ich gebe es zu, im Impressum steht es auch (in der Datenschutzerklärung), Abmahnung also nicht notwendig.)


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