Unter die Hauber gekommen

Moderne Mercedes sind nicht so meins. Die letzte C-Klasse gefiel mir ganz gut, aber seit man einen dreisten Nachbau des BMW 1ers als A-Klasse verkauft und irgendjemand die C-Klasse rundgelutscht und damit genau der dynamischen Kanten beraubt hat, die ich am Vorgänger so markant fand, geht das Ganze nicht mehr so wirklich an mich. Mal ganz zu schweigen davon, daß ich mich finanziell einige Kilometer weit davon bewege, mir einen Untertürkheimer Stern auf geldmäßig solide Weise leisten zu können. Klar gibts die auch "billich billich" als runtergeschrubbte Firmenwagen mit 780000 Kilometern auf dem zurückgedrehten Tacho, aber da wird's doch schnell peinlich, besonders wenn man sich dann die Wartung nicht leisten kann.

Aaaaaber - und ich gebe dieses langgezogene "Aber" mit einem gleichzeitig stramm erhobenen Zeigefinger zum Besten - die Nutzfahrzeuge der Sternenmarke, die zu meiner (inzwischen schon schmerzhaft weit zurückliegenden) Jugend allgegenwärtig waren, die finde ich klasse. Als ich noch durch die Welt stapfte und jugendlich-dämlich-philantropher Weltsichten nachhing, also in der ersten Hälfte der Grundschule, beherrschte schon die "Neue Generation" das Bild - ein Lastwagen, der so zeitloses Design aufwies, daß es mit ein paar Auffrischungen über 25 Jahre in seinen Grundzügen gleich blieb.

Viel interessanter waren aber die gerade in niedereren, alltäglichen Diensten damals noch immer zahlreich vorhandenen Rundhauber. Ich war, bin und bleibe einfach ein Fan ihres leicht betrübt daherschauenden Hundegesichtes, das ja früher ein Erkennungszeichen aller Mercedes-Nutzfahrzeuge war. Man stelle sich mal vor: Die haben den Fahrzeugen damals eine Frontansicht gegeben, die allen heutigen Erkenntnissen moderner Verkaufspsychologie zum Thema "Markengesicht von Trendfahrzeugen" schlicht gesagt mit dem Hintern ins Gesicht springt. Keine zu einem jokermäßigen Grinsen verzerrte Kühlerfratze mit Chromlippenstift, sondern ein trüb nach unten gebogenes Kühlergesicht mit Basedowschen Glubschaugen, das zu allem Überfluss auch noch von Stirnrunzeln in Form von Kühlschlitzen gekrönt ist. Der absolute Alptraum jedes modernen Produktdesigners. Und einfach so kindchenschemamäßig sympathisch, daß man sie auf den ersten Blick ins Herz schließen muß. Der treue Blick des unermüdlichen Arbeiters, solides Blech - das ist ein Versprechen, das keiner Mitwirkung einer Marketingabteilung bedarf.

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Für die bekannte Sandberger Zimtmine (lassen Sie sich nix erzählen von dem aus Pflanzen gewonnenen Zeug, der beste Zimt wird eindeutig unter Tage abgebaut!) suchte ich noch nach einem charakterstarken Fahrzeug zur Ergänzung des Schüttgutwerkes. Ich hatte im letzten Jahr einen Magirus mit einfachsten Mitteln umgewidmet vom Getränkelaster zum rostigen Schüttguttransporter, aber so richtig gefallen hat mir das nicht, zumal die verwendete Echtrostfarbe von viel zu grober Körnung war.

Wem das mit dem "Echtrost" nichts sagt: Im Künstlerbedarf gibt es Patina zum Aufmalen. Das ist in der Regel ein Zweikomponentensystem aus einer Art Acrylfarbe, die aber statt Pigmenten das gemahlene Metall enthält (Kupfer für Grünspan, Eisen für Rost usw.) und einem Oxidationsmittel, das die ganze Geschichte innerhalb so kurzer Zeit in das entsprechende Oxid verwandelt, daß selbst ein Alfasud nicht mitkommt (Alfasud-Fahrer wissen, was das heißt!). Im Grunde ist das also echter Rost zum Aufpinseln. Inzwischen gibt es da sogar Systeme mit verschiedenen Rosttönen, man muß aber bei der Benutzung im Modellbahnbereich auf die Mahlung achten, so fein wie möglich sollte sie sein.

Beim sympathischen Modellbahnhändler um die Ecke - genauer gesagt der "letzte Mohikaner" dieser Zunft in unserer Großstadt - fand ich für einen annehmbaren Preis ein Schuco-Modell eines Mercedes L311 Rundhaubers in diesem früher oft gesehenen Mausgrau - perfekt! Die Schuco-HO-Modelle sind ganz hübsch und haben tatsächlich Karosserieteile aus Metalldruckguß. Das mag detailtechnisch seine Nachteile haben, ich finde der Gesamteindruck ist stimmig. Ein großer Vorteil dabei ist: Die Karosserie leuchtet bei der Ausstattung der Fahrzeuge mit LEDs nicht durch.

Also habe ich zuhause meinen neu erworbenen Laster erstmal zerlegt. Das geht hier ganz gut, das Fahrzeug ist tatsächlich verschraubt und hat aufgesteckte Gummireifen. Prima. Nächster Schritt: LEDs vorne und hinten. Bis hierhin alles knorke, nun packte mich natürlich wieder der Übermut: Von den positiven Erfahrungen meiner Waggonbeleuchtungen mit "Batterieantrieb" beflügelt, kam mir die Idee, daß man auf der Ladefläche, unter dem Schüttgut, eigentlich ohne weiteres einen Knopfzellenhalter verbergen könnte. Damit wäre ein leichtes Umpositionieren des Fahrzeuges möglich und wieder ein Loch weniger in der Anlage. Außerdem kein Kabel, keine Verteilung, etcetera pp.

Da ich nicht den guten Sandberger Zimtbruch über Gebühr verschwenden wollte und um jederzeit an die Batterie zwecks Wechselmöglichkeit zu kommen, habe ich die Grundform der Ladung aus Hartschaum zusammengezimmert. Unten ist die Batteriehalterung ausgespart sowie der Platz für den notorischen Miniwinnischalterleinikleini vorgesehen. Die LED-Leitungen aus Microlitze (fertig angelötet gekauft) sind durch Löcher in den Ecken des Pritschenbodens durchgezogen und das Ganze entsprechend verkabelt (wie immer hart am Rande des Nervenzusammenbruches entlanggelötet).

Der Schalter hat sich im Übrigen beim Anklebeversuch mit hauchfeinem Sekundenklebertröpfli begierig mit dem Zeug vollgesogen und sich dann auch noch von mir unbemerkt nach oben verschoben, wo er dann komplett zusammenklebte - innerlich wie äußerlich. Na super. Grundsätzlich klebe ich die Schalterchen jetzt nur noch mit 2-Komponenten-Knete an, das hat sich inzwischen bewährt.

Um auf den Rost zurückzukommen: In den 60ern war Rostvorsorge nicht so das Knallerthema. Also eigentlich eher fast garkeins. Wenn man sich mal klarmacht, daß es damals als völlig normal galt, ein vier, fünf Jahre alles Auto schon "übern TÜV schweißen" zu müssen - im Zeitalter von extensiven Durchrostungsgarantien und klassenübergreifender Verzinkung undenkbar: Zeter, Mordio und Absturz der Marktanteile wären die zwingende Folgen, würde ein Auto heute so rosten wie man es vor 50 Jahren locker als gegeben hingenommen hat!

Lange Rede, gar kein Sinn. Fest steht, das Ding darf ruhig rosten. Also habe ich mit feinem Pinsel in Kanten und Falze die Rostfarbe aufgetragen. Man kann dabei auch mit den Fingern oder einem Tuch das Zeug speziell in Vertiefungen und Ecken reinwischen. Gut durchtrocknen lassen, dann satt Oxidator drauf und warten. Das Ergebnis gefällt mir ganz gut. Den allzuhellen Rost an den Stellen, wo der Oxydator verlaufen ist, kann man abwischen. Wie das Ganze funktioniert, kann man in dem Video sehen:

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Fertig. Ein kampferprobter Rundhauber mit ordentlich Patina, aber mit Hilfe seines "130-PS-Ölmotors" schleppt er immernoch fleißig Zimtbruch aus dem Schüttgutwerk.


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