Ganz schön beschrankt.

20181205 165537 

Der Bahnübergang am Bahnhof Sandberg liegt recht prominent an der Anlagenvorderkante. Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits sieht man ihn ganz gut, andererseits ist er extrem anfällig für Einschläge aller Art, vom versehentlichen Drankommen bis zum Auf- und Abbauszenario, wo kleinere Malaisen an der Tagesordnung sind (was aber oft auch Impuls für etwas neues ist).

Trotzdem, besser: obwohl die vorderen Warnlampen schon beim letzten Aufbau einen üblen Treffer bekommen hatten, liebäugelte ich mit der Flucht nach vorn: Eine Schrankenanlage daraus machen! Außerdem gefällt mir der nach langen Jahren der Ankündigung tatsächlich erschienene Schrankenkurbler von Viessmann einfach zu gut. Ich habe also erstmal auch eine Viessmann-Schranke sehr günstig ersteigert, die wirklich ein wunderschön feines Modell ist, aber leider mit einer so hohen Geschwindigkeit öffnet und schließt, daß der wackere Mann an der Kurbel kaum anderthalb Umdrehungen in der Zeit hinbekam. Schranke mit Servokurbel? Eher nicht... Leider ist eine Geschwindigkeitseinstellung bei der preiswerten der beiden Viessmann-Schrankensysteme nicht möglich. Na super.

Also habe ich die Viessmann-Schranke wieder in die Bucht gepackt und vom Erlös ein ganz hübsches Set von NOCH erstanden, bei dem außer Schranken und in Geschwindigkeit und Weg regelbarem Antrieb auch noch ein wirklich schönes, aus Karton gelasertes Schrankenwärterhäuschen dabei ist.
Als der gelbe Karton endlich auf dem Tisch steht, die Überraschung: bis auf die Schrankenbäume ist alles in diesem Set aus Karton gelasert, auch der ingeniöse Spindelantrieb. Der lässt sich angemessen knifflig zusammenbauen, mit Ruhe und der ganz gut gemachten Bauanleitung geht das ziemlich schnell. Genauso schnell wird beim Probelauf klar, daß der Antrieb erstmal besch...eiden läuft. Erst nachdem ich ihn zur Hälfte wieder zerlegt und das Ganze vor allem auf die (in den Grenzen der gelaserten Kartonkonstruktion) exakte Flucht der Spindel (die eigentlich nur eine kleine Gewindestange mit einer darauf laufenden gewöhnlichen Mutter ist, was auch ein Problem sein dürfte) nachgearbeitet habe, geht's einigermaßen geschmeidig hoch und runter. Macht aber ganz ordentliche Getriebegeräusche. Der NOCH-Schrankenantrieb

Der Einbau und die Justage der Schranken und ihrer Gestänge ist eine Herausforderung, die man mit etwas bastlerischem Geschick durchaus in angemessener Zeit hinbekommt. Dabei sind die zwei verschiebbaren Schalter in der Antriebsbombastik echte Nervis: Die zur Fixierung benutzten Schräubchen sind kurz und fummelig, sie halten im Kartonmaterial genau einmal richtig und man hat sie schnell mal überdreht. Immerhin kann man sie ja theoretisch festkleben, wenn alles perfekt eingestellt ist. Aber andererseits traue ich dem Mechanismus irgendwie nicht zu, daß er für ewig mit dieser Einstellung funktioniert.

Den Schrankenwärter habe ich nach Anleitung angeschlossen. Er wird mit einer fertig verkabelten Schaltung auf einer kleinen Platine ausgeliefert, die dafür sorgt, daß er eine Zeit lang kurbelt, wenn Strom an einer der beiden Schaltleitungen anliegt. Die Dauer kann man über ein ca. 2mm großes SMD-Poti einstellen, das man bei genauem Hinsehen irgendwann auf der bewußten Platine findet. Dieses Poti hat keinen Anschlag und ein paar Grad Drehung bedeuten völlig andere Kurbelzeiten. Die angegebenen 20 Sekunden maximale Kurbeldauer habe ich nie erreicht, nach ungefähr 9 Umdrehungen bei ca. einer Umdrehung pro Sekunde war immer Feierabend, ein Tick weitergedreht und es passierte entweder nichts mehr oder eine müde dreiviertel Umdrehung. Das ist reine Nervensache und irgendwie mehr so mittellustig.

So richtig perfekt hat das aber selten funktioniert, irgendwann stellte der Kurbler seinen Dienst auch immer wieder ein und weigerte sich, überhaupt noch zu kurbeln. Nach einigen Anschlußvariantenversuchen habe ich dann herausgefunden, daß es viel besser geht, wenn der Schrankenwärter über einen eigenen Kontakt mit Hilfe der Schaltleitungen geschaltet wird, also habe ich den Schalter gegen einen "2x um"getauscht. Bumbäh, alles läuft gut.

Fazit: Die NOCH-Schranke ist bastlerisch interessant und das Schrankenwärterhäuschen ist nett gestaltet. Die Schranke ist von der Detailierung eher ein wenig schlicht, was auch dem Umstand geschuldet ist, daß die Lagerböcke aus gelasertem Karton bestehen. Da ist die Viessmann-Schranke weitaus filigraner - was aber vielleicht bei so exponierter Einbaulage auch eher Fluch als Segen sein kann.

Der Antrieb der NOCH-Schranke stammt wahrscheinlich konstruktiv aus der Werkstatt von Daniel Düsentrieb, die Betätigung per Spindel ist eine interessante Alternative zu Servoantrieben und den nicht mehr zeitgemäßen Magnet-Schnappschranken. Er erfordert aber große Sorgfalt beim Bau und definitiv Nacharbeiten, damit er zufriedenstellend läuft. Das Material - Presspappe - macht nicht den Eindruck, als würde dieser Antrieb ein Modellbahnerleben überstehen. Das Ding in 3D-Druck wäre vielleicht eine stabilere Alternative gewesen, ohne aufwendige Spritzgußformen produzieren zu müssen. Das Laufgeräusch ist ebenfalls ein Störfaktor. Aber die Schranken gehen schön langsam auf und ab, das Ganze lässt sich mit Geduld und etwas Ahnung von Mechanik fein einregeln. Erstmal bin ich sehr zufrieden.

Was die eingangs erwähnten Gefahren anbetrifft, erstelle ich gerade ein "Böxli" aus Sperrholz, das ich zum Transport über die ganze Szene stülpen kann.


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