Weltwerk Stellwerk

In der ebenso harten wie unbarmherzigen Wirklichkeit wurden bei schmalspurigen Gleisanlagen wie dem Bahnhof Sandberg in den 60ern die Weichen ganz einfach direkt von Hand bedient. Ausnahmen mögen diese von mir einfach mal frei in den unbeheizten Raum gestellte Regel bestätigen. 

Bei der Vorgängeranlage (die ja noch auf einem Sommerthema fußte) habe ich Gleise von Tillig und Weichen von PECO benutzt. Das lag daran, daß vor gut 20 Jahren, als ich die Gleise für ein damals noch völlig anderes, aber nie verwirklichtes Projekt kaufte, die Tillig-HOe-Weichen gerade mal angekündigt, geschweige denn in absehbarer Zeit lieferbar waren. Lustigerweise habe ich auf diesem Layout die Weichen tatsächlich von Hand gestellt - die Weichen von PECO haben werksseitig eine eingebaute Schnappfeder, die die Zungen in den beiden Endlagen einrasten lässt. Ich habe sie einfach durch vorsichtigen Fingerdruck oder mit Hilfe eines Bleistiftes mit Radiergummi am Ende in die gewünschte Stelle schnappen lassen. Hat funktioniert.

Beim Neubau der Bessunger Kreisbahn wollte ich aber ein geschlosseneres Bild der Gleisanlagen haben. Inzwischen sind die Tillig'schen HOe-Weichen lieferbar, die Qualität ist sehr gut und sie passen bauartmäßig zum im deutschsprachigen Raum angesiedelten, wenn auch nicht vorhandenen Vorbild der BKB. Interessant ist auch, daß die Tillig-Weichen sogar etwas flexibel sind und so "zart individualisiert" werden können, falls notwendig.

Nachteil: Diese Weichen haben federnde Zungen, die vom Weichenantrieb in der Endstellung festgehalten werden müssen. Irgendwelche Ideen mit mechanischer Betätigung über Gestänge und Züge von der Anlagenvorderkante aus waren möglich, aber mir irgendwie zu kompliziert. Als preiswerte, schnell zu erstellende, ganz gut justierbare und bislang sehr zuverlässige Lösung haben sich Miniservos mit feinem Stahl-Stelldrähten erwiesen, die ich über zwei ESU-Servopiloten und eine analoge Wechseltasterreihe ansteuere. Einziger Nachteil: Die Herzstückpolarisierung erfolgt momentan nur durch den Kontakt zwischen Gleis und anliegender Zunge, was mit fortschreitender Oxidation der Gleiswangen Probleme ergibt und ein wiederholtes Reinigen dieser Kontaktstellen erfordert (Das war bei den PECO-Weichen im Übrigen genauso). Etwas nervig. Man kann die Servopiloten mit entsprechenden Relais erweitern und die Herzstücke so polarisieren. Das hatte ich auch vor und habe bereits an allen Weichen den Herzstückanschluß durch ein Loch in der Grundplatte nach unten schauen lassen. Irgendwann würde ich mir die zwei Relaisboxen von ESU halt nachkaufen und installieren.

Um mal zum Anfang zurückzukommen: Das Ganze ist jetzt natürlich vorbildwidrig, aber solide traditionell was Modellbahnen angeht. Und trotzdem modern (keine stromfressenden, lauten Magnetspulenantriebe wie anno Leipzicheinundleipzich) und modellmäßig schön, da komplett unterflur gelöst.

Die "Schalterbatterie" aus Zweiwegetastern mit Mittelruhestellung hat nett ausgesehen, ich habe die Taster in eine Metallplatte eingebaut, was sich als stabil und  hundertprozentig funktionstüchtig erwiesen hat. Irgendwann bin ich dann im Internet auf die australischen Cobalt-S-Lever gestoßen, die ich vom Fleck weg als großartige technische und optische Lösung gesehen habe: Ein echtes Stellwerk, mit richtigen Stellwerkshebeln mit Griffen zum Ausrasten des Hebels aus den Endstellungen, noch dazu in offensichtlich sehr ordentlicher Qualität. So was brauche ich auch.

Aber woher nehmen? Direkt aus Australien? Da wäre das Porto und der Zoll fast teurer gekommen als die Ware... von den üblichen Spaßfaktoren wie "Zollabwicklung" mal ganz abgesehen. Leider habe ich trotz einigermaßen intensiver Suche keinen "German Dealer" finden können (sollte doch jemand einen kennen, bitte her mit der Adresse!). Also hieß es Kreise ziehen. Nach kurzer Recherche stellte ich fest, daß die australischen Stellwerkshebel sich in England einer soliden Beliebtheit erfreuen. Und tatsächlich fand ich in Liverpool einen großen Modellbahnhändler (Hatton's), der außerdem die Teile zu besten Preis im gesamten vereinigten Königreich anbietet. Als auch noch der Pfundkurs dank britischer EU-Bräsigkeit in den Sturzflug ging, habe ich zugeschlagen. Nach wenigen Tagen kamen die Teile perfekt verpackt und unversehrt bei mir an. Dank EU ist von Zoll keine Rede (das wird sich ja nun eventuell bald ändern - die spinnen, die Briten...) und abgesehen von einem Tag, den meine Sendung unerklärbarerweise im "Pingpongmodus" zwischen den Flughäfen Heathrow und West Midlands hin- und hergesendet worden war, lief alles wirklich "smooth" ab.

Und so kommen meine neuen Stellwerkshebel also von "Down Under" über "Juhkay" ins Rhein-Main-Gebiet. Ein Stellwerk als Weltwerk. Warum auch nicht. Andere Länder haben auch findige Köpfe. Auch wenn die Volkspfosten Frauke, Alexander, Beatrix und Björn, Donni Föhnwelle, der britische "Leute-Farage-er" und wie`se alle heißen, das anders sehen. Ikonoklasten, Karnevalsbanditen, Troglodyten!

Nachtrag Winter 2017: Inzwischen sind die Hebel auch bei spezialisierten Händlern in Deutschland erhältlich.

Die Cobalt-S-Hebel sind dabei nicht nur nett anzuschauen, sondern auch technisch recht raffiniert gelöst. Es ist nämlich möglich, sie gleichzeitig sowohl als Taster in den Endstellungen für den Stellimpuls als auch als Schalter zur Herzstückpolarisierung zu verwenden. Womit die Zusatzrelais vom Tisch wären. Oder besser: Nicht mehr unterm Tisch.

So außergewöhnliche Weichenhebel sollte man aber nicht auf ein profanes Sperrholzbrett schrauben. Deswegen habe ich mir etwas ausgedacht, wie man die Hebelei auch noch nett präsentieren kann. Die Hebel müssen, soviel sei vorausgeschickt, aufgrund der transportablen Ausführung der Anlage mitsamt ihrer Grundplatte abnehmbar gestaltet werden.

Ich habe also basierend auf der Größe der späteren Hebelreihe im Baumarkt meines Vertrauens aus einem Rest Siebdruck-Sperrholzplatte von 18 mm Stärke ein entsprechendes Stück schneiden lassen. Also eigentlich 3 Stücke, denn so viele hat das Siebdruckplattenstück hergegeben. Gut angelegte 2 Euro.

Im Bastelkramladen habe ich 10 x 10 mm große Mosaikflieslein in zwei Farben besorgt. MIt Hilfe eines Grafikprogrammes wurde dann ein Verlegeraster mit entsprechend breiten Fugen und einem gleichmäßigen umlaufenden Rand erarbeitet, das ich auf permanent klebendes Haftpapier ausgedruckt und auf die Siebdruckplatte aufgeklebt habe.

Dann begann eine sehr meditative Phase des Fliesenlegens im kleinen Maßstab. Festgeklebt habe ich die Fliesileinchen mit lösemittelfreiem Kraftkleber, was mir ein paar Kopfschmerzen erspart hat und erstaunlich gut hält. 

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Außenrum gab es dann ein Aluprofil, das ich einigermaßen bündig mit der Fliesenoberkante angebracht habe. Einigermaßen deshalb, weil die Minifliesen von der Stärke schwanken, was ich aber nicht als störend empfinde. Klar hätte man jetzt 10 Pakete Mosaiksteinchen kaufen und die besten in stundenlanger Auswahlarbeit heraussuchen können. Aber irgendwo ist auch mal gut mit lustig, schließlich geht es hier in erster Linie um einen optischen Gag.

Dann noch verfugen (mit dünn angerührtem Fugengrau, die 1 mm breiten Fugen sind schon arg schmal...) und schon können die Schalter eingebaut werden.

Denkste. Die Flieslein sind ja wie gesagt leider mit einer gewissen Streuung begnadet, was die Dicke und Oberflächenrundung angeht. Das ist optisch nicht schlimm, lässt aber die Fläche etwas uneben werden. Na schön, dann macht man halt was weiches unter die Schalter als Ausgleich. Da steht aber schon das nächste Problem auf der Matte und grinst blöd: Bohren durch die Fliesen ist ein rechtschaffendes Ding der Unmöglichkeit. Man rutscht gottweißwohin mit dem Bohrer und leider bin ich nicht mit einer Ständerbohrmaschine ausgestattet.

Die Schalter nur aufkleben? Keine tolle Idee, weil das spätere Wartung (für die Cobalt-S-Teile gibt es die gesamte Schaltbombastik als Ersatzteile!) erschwert bis verunmöglicht. Außerdem ist das irgendwie keine schöne Lösung für so schöne Schalter.

Die Cobalt-Weichenschalter sind vom Vorbild eher im Raum des Commonwealth zu verorten und entsprechen ungefähr der Bauart "Saxby", die aber durchaus als Nachbau derselben auch in diesem, unserem Lande in Form der Bauart "Bruchsal A" Verwendung fand. Also nicht komplett abwegig, na super. Nicht, daß es mir nicht völlig wurscht gewesen wäre... denn mir gefallen die Dinger einfach super und sie sind außerdem auch vielseitig und stabil gebaut. Bei meiner Recherche bezüglich Stellwerksbauarten (und wieder beim Basteln was gelernt!) wurde mir auch klar, daß eigentlich nur die Oberkanten der Mechanismen aus dem Boden zu ragen haben, der Rest ist unterflur.

Also auf die harte Tour: Vorsichtig habe ich ein so großes Stück Fliesenfläche wieder entfernt, wie die Schalterbatterie platzmäßig benötigt. Dann zu meinem Kollegen Heinz gelaufen, der nicht nur Schreinermeister ist, sondern es tatsächlich geschafft hat, in die Platte ein Loch zu sägen, ohne auch nur eine der Fliesis zu lockern. Das deutsche Handwerk, echt klasse.

Jetzt trifft es sich natürlich blendend, daß ich noch gleich große Siebdruckplatten in Reserve habe, denn nun ist das Projekt schon zu einer mehrstöckigen Konstruktion gewachsen. Heinz hat geholfen und so ist eine stabile Basis entstanden, die auch die zwei jährlichen Transporte in den Keller und zurück locker wegstecken sollte. Unten das eigentliche Grundbrett, auf dem die Cobalt-S-Lever festgeschraubt werden, obendrüber der "Fußboden". Aufwendiger, aber auch schöner anzusehen. Das ganze Konstrukt ist mit drei Schrauben am Anlagenrahmen befestigt und kann durch Lösen ebendieser und der zwei Steckerpaare an den Servopiloten in relativ überschaubarer Zeit zur Lagerung im Keller abgenommen werden, sodaß die Hebelage möglichst wenig leiden sollte.

Farblich habe ich den Schaltergehäusen ein "Schaltkasten-Resedagrün" gegeben, während die Hebel selbst ein helles Grau bekamen. Griffe natürlich blank. Die beigelegten Führungsschienen zum Aufkleben auf der Oberseite habe ich auch unbehandelt gelassen und mit Sekundenkleber an ihrem Platz fixiert.

So. Fertig. Schön isses geworden und funktioniert klasse. Ich bedanke mich bei Nigel und Boris für die "erlogene" Preisreduzierung, nicht ohne echtes Bedauern gegenüber den nicht gehirnalbernen Briten. Selbst die zwei Spinner sind für etwas nütze - mir haben sie einige Euros gespart. Aber das war es wirklich nicht wert....

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(Habe ich übrigens schon erwähnt, daß ich Googlefonts nutze? Falls nicht: Ich nutze Googlefonts. Ich gebe es zu, im Impressum steht es auch (in der Datenschutzerklärung), Abmahnung also nicht notwendig.)

 

 


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